Noch bevor er weltberühmt wurde, wurde er in Wales bereits ‚Tiger Tom‘ genannt. Im Januar 1965 trat ein neuer britischer Star selbstbewusst ins Rampenlicht: Tom Jones. Der junge Tom fiel vor allem durch seine kraftvolle Stimme und seine sexy Ausstrahlung auf. Über 45 Jahre später ist Tom Jones ein Weltstar von Format, dessen großartige Ausstrahlung und Auftreten noch immer so manches Frauenherz höher schlagen lassen.
Playboys
Tom Jones wird am 7. Juni 1940 als Thomas Jones Woodward in Trefforest, einem kleinen Dorf in Wales, geboren. Tom wächst in einer Bergarbeiterfamilie auf. Im Alter von zwölf Jahren erkrankt er an Tuberkulose, weshalb er über zwei Jahre krank zu Hause bleibt. Tom bezeichnet diese Zeit noch immer als die schlimmste seines Lebens. Der kranke Tom hört viel Musik. Nach seiner Genesung besucht er die weiterführende Schule. Dort trifft Tom seine grosse Liebe Melinda Trenchard, die er im März 1957 im Alter von 16 Jahren heiratet. Einen Monat nach der Hochzeit wird ihr einziger Sohn Mark geboren. Um seine junge Familie zu ernähren, arbeitet Tom tagsüber als Bauarbeiter. Abends jobbt er als Schlagzeuger und Sänger in den örtlichen Kneipen und Clubs. Er gründet seine eigene Band The Playboys. 1963 wird Tom gebeten, Sänger in einer anderen Band zu werden. Als Tommy Scott & The Senators macht er anschließend in Wales Furore. Begeisterte Fans verleihen ihm den Spitznamen Tiger Tom. Der berühmte Produzent Joe Meek nimmt sogar einige Demos mit Tommy Scott & The Senators auf, allerdings ohne Erfolg.
Sandie Shaw
Während eines Auftritts mit Tommy Scott & The Senators wird Tom zufällig von Gordon Mills entdeckt. Dieser Mann wird später auch Engelbert Humperdinck und Gilbert O’Sullivan betreuen. Mills wird Toms Manager und rät ihm, seinen Namen in Tom Jones zu ändern, nach dem damals in britischen Kinos sehr beliebten Abenteuerfilm. Mills hat noch ein Lied parat, das er eigentlich für Sandie Shaw geschrieben hat. Doch die Sängerin lehnt den Song ab, weil sie ihn nicht gut genug für sich findet. Also darf Tom das Lied ‚It’s Not Unusual‘ singen. Mit großem Erfolg, denn im Februar 1965 landet er damit seinen ersten britischen Nummer-1-Hit. Plötzlich ist Tom ein vielversprechender Star, dem Experten eine grosse Zukunft vorhersagen. Diese Vorhersage trifft voll zu, denn noch im selben Jahr steht Tom als Vorgruppe der Rolling Stones auf der Bühne und singt das Titellied des James-Bond-Films Thunderball.
Sexbombe
Tom setzt seinen Erfolg mit grossen Hits wie ‚What’s New Pussycat‘, ‚Green Green Grass Of Home‘, ‚Detroit City‘ und ‚Delilah‘ fort, die auch weltweit hohe Chartplatzierungen erreichen. Toms sexy Ausstrahlung, suggestive Hüftbewegungen und enorme Popularität können mit denen von Elvis Presley konkurrieren. Als ‚Casanova‘ Tom in Las Vegas auftritt, freundet er sich mit Elvis an, eine Freundschaft, die bis zu Presleys Tod 1977 andauert. In den 60er und 70er Jahren unterhält Tom sein Publikum mit eigenen TV-Shows und spektakulären Theaterkonzerten. 1988 landet er mit dem von Prince geliehenen ‚Kiss‘ einen weiteren Welthit. Durch seine Zusammenarbeit mit unter anderem Van Morrison, Procol Harum und den Comicfiguren The Simpsons bleibt Toms Popularität auch in den 90er Jahren ungebrochen gross. Um die Jahrtausendwende liefert Tom mit der CD Reload sogar sein meistverkauftes Album aller Zeiten ab. Die daraus stammende Single ‚Sex Bomb‘ wird ein grosser Welthit und passt perfekt zu seiner nach wie vor grossartigen Macho-Ausstrahlung.
Begeistert
2006 wird Tom Jones von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Ein Jahr später gibt er einen spektakulären Auftritt beim Concert For Diana im Wembley-Stadion in London. 2010 feiert Sir Tom seinen 70. Geburtstag mit einem grossen Konzert im Fußballstadion von Norwich. Nachdem er Gast in der beliebten amerikanischen TV-Show American Idol war, entscheidet sich Tom im März 2012, Juror in der britischen Version von The Voice zu werden. Zwei Monate später bringt er sein 38. (!) und neuestes Studioalbum Spirit In The Room heraus, ein starkes Popalbum, auf dem ein begeisterter Tom Lieder von unter anderem Paul Simon, Leonard Cohen und Paul McCartney singt. Inzwischen lebt Tom abwechselnd in Los Angeles und Wales. Zusammen mit seiner Jugendliebe Melinda, der Frau, mit der er seit über fünfzig Jahren verheiratet ist, geniesst er ihren Sohn, die Enkelkinder und das gute Leben. ‚The fire is still in me. Not to be an oldie, but a goodie. I want to be a contender,‘ so der fast 82-jährige Tom Jones.
Geburtstagsfeier
Tom Jones trat am Mittwochabend, dem 6. Juli 2022, in der Ziggo Dome in Amsterdam auf. Ursprünglich wollte er 2020 seinen achtzigsten Geburtstag in der Amsterdamer Ziggo Dome feiern, doch wegen der Corona-Krise wurde die Feier um zwei Jahre verschoben. Der inzwischen 82-jährige ‚Godfather of Modern Soul‘, wie ihn der Konzertveranstalter MOJO nennt, stand wahrscheinlich zum letzten Mal in den Niederlanden auf der Bühne. Jones feierte seinen Geburtstag später auch noch in Luxemburg, Deutschland und Irland.
Tom Jones ist noch jung im Geist. Das liegt nicht nur an der Popularität des walisischen Sängers als Juror bei The Voice. Auf seinen letzten Alben experimentiert er noch gerne mit seiner Musik. Zunächst natürlich die Stimme. Toms gospelartiger Stimmumfang ist immer noch enorm. Das Alter hat seiner Stimme keine Kraft genommen. Unterstützt von einer klassischen Rock ’n’ Roll-Band swingt er los. Bei manchen Liedern mit zwei Gitarristen, wodurch ‚Talking Reality Television Blues‘ perfekt auf Festivals wie Best Kept Secret passt. ‚Surrounded By Time‘ klingt in dieser Besetzung stimmungsvoll und bedrohlich.
Top 2000
In der 23. Ausgabe der Top 2000 ist Jones mit zwei Einträgen vertreten:
Sunday Morning Classic
Am 17. Juli 2022 war es (endlich) an der Zeit, dass Tom Jones als Sunday Morning Classic glänzte. Nicht mit einem seiner älteren Alben, sondern mit seinem allerneuesten, Surrounded By Time.
Jeder, der älter wird, merkt, dass die Zeit sich anders verhält. Alles scheint schneller zu vergehen, jedes Jahr, jeder Tag, jede Stunde und jede Minute werden immer wertvoller. Im Alter von 80 Jahren kann Sir Tom Jones da sicherlich mitreden. Und aus diesem Bewusstsein heraus scheint er immer bessere Alben zu machen. Wer Toms Karriere betrachtet, versteht, dass oft spöttisch über ihn gesprochen wird. Er gibt das in seiner ausgezeichneten Autobiografie Over The Top And Back aus dem Jahr 2015 sogar offen zu. Seine Karriere war jahrzehntelang von Gimmicks geprägt. Vom ‚wink wink, nudge nudge‘-Text von What’s New Pussycat und der Mariachi-Band, die durch die Mordballade Delilah dröhnt, bis hin zum testosterongesteuerten Gegenstück zu Princes ‚Kiss‘, den Selbstparodien seiner Gastrollen in Mars Attacks! und The Fresh Prince Of Bel Air oder dem bewusst schlechten Hit Sex Bomb. Was jedoch all die Jahre ausser Frage stand, ist diese großartige Stimme. Eine Stimme, auf die die Zeit offenbar keinen Einfluss hat. Der 80-jährige Jones klingt 2021 noch genauso vital und monumental wie der Tom Jones, der 1965 seinen ersten Hit landete.
Zeit verändert alles und gleichzeitig verändert sich nichts. Allerdings muss man sagen, dass Tom Jones in den letzten Jahren bei den Alben, die er aufnimmt, konsequenter vorgeht. Seit Produzent Ethan Johns sich um die Arbeit des walisischen Wirbelwinds kümmert, haben Jones’ Alben eine klare kreative Richtung und einen konsistenten Aufbau. Das wunderschöne Praise & Blame ließ ihn 2010 tief in die Andachtsmusik eintauchen, der Nachfolger Spirit In The Room (2012) enthielt eine großartige Sammlung mehr folkiger Songs, und das mehr von Country und R&B getragene Long Lost Suitcase (2015) bildete den Soundtrack zur genannten Autobiografie. In den folgenden Jahren ist viel passiert. Tom Jones hatte gelegentlich gesundheitliche Probleme, die schmerzlich deutlich machten, dass seine Stimme zwar frisch wie eh und je ist, sein Körper aber weniger agil wird. Auch seine Ehefrau verstarb. Dass ihn die Vergänglichkeit des Lebens mit der Nase auf die Fakten drückte, bildete konzeptionell die Grundlage für Surrounded By Time.
Bei dieser vierten Zusammenarbeit mit Ethan Johns hält Tom Jones die hohe Qualität der vorherigen Trilogie scheinbar mühelos aufrecht, während er eine ziemlich eklektische Sammlung von Coverversionen ganz nach seinem Geschmack gestaltet. Der Opener I Won’t Crumble With You If You Fall (Original von Bernice Johnson Reagon) fügt sich auf den ersten Blick nahtlos an das frühere Praise & Blame an, doch instrumental entfaltet sich bereits ein spannendes und unheilvolles Klangbild, das eine neue Richtung anzeigt. Der Klassiker The Windmills Of Your Mind (bekannteste Version von Dusty Springfield) vertieft diese Richtung weiter. Jones und Johns hätten ohne Probleme ein traditionelleres Arrangement wählen können, doch gerade das brodelnde und schwüle Arrangement macht das Ganze spannend, bevor das Album mit der lebhaften und fast hysterischen Interpretation von Popstar (Cat Stevens) eine Kehrtwende macht.
Obwohl musikalisch vielleicht am wenigsten interessant, bringt dich dieser Song direkt auf die Stuhlkante wegen der unerwarteten Richtung, aus der er kommt. Ab diesem Moment schießt Surrounded By Time musikalisch in alle Richtungen, wobei Jones’ Stimme alles fest zusammenhält. Vom psychedelisch ausgedehnten Spoken-Word-Stück Talking Reality Television Blues (Todd Snider) über das zurückhaltende und zerbrechliche I’m Growing Old (Bobby Cole) bis hin zur großartigen (wiederum halb gesprochenen) Reise, die der über 9 Minuten lange Abschluss Lazarus Man (Terry Callier) ist. Absolutes Highlight ist die Waterboys-Coverversion This Is The Sea, die ein völlig neues Arrangement erhalten hat und durch das herrlich jodelnde Orgelspiel klingt, als hätte Jones sie Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre aufgenommen. Doch gerade durch das Alter und die Lebenserfahrung, die Jones jetzt hineinlegt, überragt das Stück sich selbst und zeigt einmal mehr, dass wirklich gute Musik die Zeit stillstehen lassen kann und den Zuhörer in wenigen Minuten Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erleben lässt. Mächtig!
Geschrieben von: Edgar Kruize (Written in Music)
Quelle: NPO und Wikipedia Foto: Mykal Burns und von Raph PH
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